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16.6.09

Styroporflocken

"Diese Tage waren vorbei. Jetzt wurden die Entscheidungen dieser Welt von kleineren Leuten getroffen; von grauen, gesichtslosen Bürokraten ohne Vision oder Witz; von Ausschußsprechern, die Ausschuß sprachen und Ausschuß dachten, Männern, die mehr vom Dogma als von Destination wußten, Männern, die sich auf Produktion verstanden, aber das Vergnügen nicht kannte, Männern, die sich mit einem Ordner voller Papiere wohler fühlten als mit einer Faust voll Gemmen; Männern ohne Lächeln, Männern ohne Manieren, Männern ohne Träume, Männern, die glaubten, sie könnten die Menschheit führen, während sie weder eine Herzogin verführen noch ein Pferd reiten konnten. Ach, dieser Bandit in Schwarz, den seine Tochter nach Hause geschleppt hatte, taugte besser zum Herrschen als irgendeiner von ihnen, Kommunisten oder Faschisten oder Christdemokraten, einander gleich wie geschmacklose Erbsen in einer verdorbenen Schote."

Tom Robbins, Buntspecht

"Das Spiel, in dem virtuell auf Pixelmännchen geschossen wird, heißt "Killerspiel". Aber der Verein, in dem real, mit echter Munition auf Schießscheiben geschossen wird, heißt Schützenverein, nicht Schießverein (und schon gar nicht Killerverein). Das klingt gleich viel netter."


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Styroporflocken?
Wie Füllsel in Paketen, irgendwie nichts und irgendwie auch unverzichtbar.
Lässt sich jedenfalls einigermaßen bloggern (Vertipper, aber für schön befunden) und sagt noch etwas mehr aus als nur die Wong-Links

28.3.09

Sommerzeit

Juhu, ab morgen ist mal wieder Sommerzeit :-)

Entgegen einer angeblichen Mehrheit der Bundesbürger (z.B. Netzeitung) hab ich nämlich nix gegen die Sommerzeit, im Gegenteil, ich steh drauf.

Mal ehrlich. Im Juni wird es mit Sommerzeit schon ab 4 Uhr früh wieder hell, ohne verstellte Uhr wäre es da erst 3 und würde schon tagen. Fänd ich seltsam bis unangenehm. Und wenn es im Sommer schon um 19 statt um 20 erst dunkel würde, würde mir auch was fehlen.

Mir gehören bestimmte Dinge zu bestimmten Jahreszeiten dazu. Dass es abends bald dunkel wird, das ist Winter. Dass man abends bis 22 Uhr noch leichtes Dämmerlicht hat, das ist Sommer. Und da hilft die Uhrenverdreherei viel, um das zu betonen und mir, ja mir, ganz EGO, nur ich, das passende Jahreszeitgefühl zu geben.

Würde man sie abschaffen, ich würde sie vermissen.

26.3.09

Muss mal zitiert werden

"Diese Lähmung der Einzelnen halte ich für das größte Übel des Kapitalismus. Unser ganzes Bildungssystem leidet darunter. Dem Studenten wird ein übertriebenes Konkurrenzstreben eingetrichtert und er wird dazu ausgebildet, raffgierigen Erfolg als Vorbereitung für seine zukünftige Karriere anzusehen.
Ich bin davon überzeugt, daß es nur einen Weg gibt, dieses Übel loszuwerden, nämlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu etablieren, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen Zielsetzungen orientiert."

Albert Einstein, 1949

24.3.09

München : Stuttgart 1:0

Nene, kein Fußball. Nur ein Nachschlag zu dem unsäglichen Amokgeseire, das immer noch die Medien auf- und abschwappt, mit seinen unvermeidlichen Idiotien allenthalben.

Der SWR berichtet, die "Intel Friday Night Game", die kommenden Freitag hätte in Stuttgart stattfinden sollen, sei von der Stadt abgesagt worden. Weiter heißt es:

"Dort sollten unter anderem auch die als Killerspiele kritisierten "Counter Strike" und "Warcraft" gespielt werden. Nach dem schrecklichen Amoklauf in Winnenden und Wendlingen, bei dem 15 Menschen getötet wurden, könne man eine solche Veranstaltung derzeit nicht akzeptieren, begründete Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) die Absage. [....] Trotz Bitten der Stadt waren die Veranstalter der "Intel Friday Night Game" offenbar nicht bereit, andere Spiele zu verwenden. [....] Der medienpolitische Sprecher der Grünen im Landtag, Jürgen Walter, begrüßte den Schritt der Stadt Stuttgart ausdrücklich: "Es hat den Veranstaltern wohl an der nötigen Sensibilität gefehlt, sonst wären sie selbst darauf gekommen, wie instinktlos eine solche Veranstaltung eine Woche nach der zentralen Trauerfeier in Winnenden ist", sagte Walter."
Während in München nach einer Fotostrecke der Süddeutschen Zeitung die "PC-Game-Bundesliga" schon vergangenen Freitag stattfand, wo neben einem nicht genannten dritten Spiel und einer Fußballsimulation auch Counterstrike Wettkampfspiel war.

Nun ist die Untertitelung der SZ-Fotostrecke auch nicht das Gelbe vom Ei der Ausgewogenheit, unerwarteter Pluspunkt für Bayern respektive München bleibt aber doch, dass die Veranstaltung stattfinden konnte, obwohl sie zeitlich noch viel näher am Geschehen war.

In Stuttgart hat sich nur wieder die impertinente Ignoranz verdeutlicht, mit dem der seltsamen Subkultur der Gamer begegnet wird. Spiele sind alle eins wie das andere, so liest sich das. Unsauberkeiten wohin man nur schaut.

Als Killerspiel gescholten wurde das nunmal blutfreie World of Warcraft - das sich halt denkbar schlecht für eine LAN-Meisterschaft eignet, was man leicht rausfinden könnte. Vermutlich hätte in Stuttgart das Strategiespiel Warcraft gezockt werden sollen, aber darüber verlieren wir mal lieber kein Wort, denn a) wissen wir nicht, was der Unterschied zwischen Strategie und MMORPG ist, b) kann sich hinter einem Namen wie Warcraft ja nur Brutalität und anschauliches blutrünstiges Gemetzel verbergen und c) hätten wir ja die Empörung nur halb so gut schüren können, wenn wir zugegeben hätten, dass es sich da auch nur um eine PC- und Fantasyvariante von Schach handelt.

Und die bösen Veranstalter hatten nicht die Feinfühligkeit, andere Spiele spielen zu lassen, pfui aber auch! Nun, wenn ein Saison-Preisgeld von 130.000 Euro zu gewinnen ist, handelt es sich doch ziemlich wahrscheinlich nicht um eine Glücksspielrunde, sondern um irgendwas spezielleres (um nicht mit Slang wie Progamer und E-Sports-League anzufangen) - und dass man nicht mal eben vorschlägt, in Wimbledon solle doch dieses Mal lieber Badminton gespielt werden, geht ja auch nur um Schläger und Netz, würde jedem einleuchten. Nur diese komischen blassen Computerjunkies, bei denen muss doch eins wie das andere sein.

Und an der nötigen Sensibilität fehlt es nur denjenigen, die daran jetzt rummotzen, anstatt sich erst kundig zu machen, um was es in den Spielen geht, welche Liga bei solchen Hallenturnieren antritt und - um Himmels Willen - was die Aggressionsforschung zu "Killerspielen" zu sagen hat. Aber die Grünen sind halt auch schon im Schmelztiegel der populistischen "Mitte" angekommen.


WTF?
STFU!

Nachtrag: Auch Nürnberg überholt Stuttgart locker auf der Außenbahn (via fefe).

18.3.09

Die übliche Polemik

... die sich jetzt allenthalben von den Medien verbreiten lässt zum Thema Ursachen, Auslöser und Prävention künftiger Fälle wie Winnenden, Emsdetten, Erfurt, möcht ich mal gar nicht mit Anmerkungen würdigen.

Was mir "diesmal" besonders übel aufstößt sind die Randdebatten und Unsauberkeiten.

Da wird sich im online-trendigen Kommentarbereich zu Nachrichten bei Nachrichtenmedien (z.B. SZ) ebenso wie im traditionsgemäß oft und gern trolligen Heise-Forums-Ableger bei Telepolis pauschal über alle Berufsstände echauffiert, die mit "Psych-" anfangen, ungeachtet und ganz offensichtlich auch in Unkenntnis der Unterschiede zwischen Psychiater, Psychologe, ärztlichem und psychologischen Psychotherapeuten, Pharmakotherapie und Psychotherapie, von Feinheiten dabei noch ganz zu schweigen. Da wird ein Niveau unterschritten, das sogar beim Boulevard noch als anerkannte Grenze gilt.

Da ergeht sich die (ebenso wie die Opfer und deren Familien bedauernswerte) Familie des Täters in Beteuerungen, er habe sich nicht in Therapie befunden, er wäre "nur" ambulant bei einer Klinik gewesen. H-hm, nein ich hab keine Gesundheitsprobleme, ich war nur ambulant beim Hausarzt. Freut auch sicher niedergelassene Therapeuten, dass ihre ambulante Behandlung keine Therapie ist. Es ist ja verständlich, dass die Familie jetzt verleugnet, eventuelle psychische Probleme beim Sohn gekannt zu haben (allein der Wunsch, sich die Medienmeute vom Hals zu halten, würde bei mir als Rechtfertigung schon durchgehen, und selbst wenn es Vorsatz oder zumindest grobe Fahrlässigkeit war, die Knarre offen rumliegen zu lassen, kann ich mir vorstellen, dass da jetzt erstmal auf biegen und brechen versucht wird, gut dazustehen, die Lage ist schon grauslig genug). Der Versuch ist so aber mehr als lächerlich.

Da wird ganz alarmiert der Zeigefinger hochgereckt, als gerüchteweise aufkommt, der Täter habe evtl. Psychopharmaka genommen (u.a. hier, via fefe, dessen Anmerkung auch gelesen gehört), und man habe doch da neue Untersuchungen aus den USA gelesen, nachdem Antidepressiva aggressions- und selbstmordfördernd seien. Wie bahnbrechend. Die Genese einer Depression zu kennen ist unwidersprochen nicht zwingend nötig für Journalisten. Beim Aufkommen solcher Aspekte das Internet mal ganz kurz nach "antidepressiva selbstmordgefahr" zu durchforschen, halte ich aber noch für ausdrücklich zumutbar. Dann stieße man darauf, dass es regelmäßig genug vorkommt, dass der (in der Depression z. T. stark verminderte) Antrieb bereits wieder erstarkt, die Stimmungslage aber noch nicht aufgehellt wurde, und schon ist das große Rätsel keines mehr, sondern als prinzipiell normaler Ablauf bei der Vergabe von Antidepressiva auf einmal banal. Mal ganz davon abgesehen, dass ja noch lange nicht gesagt ist, dass verordnete Psychopharmaka auch eingenommen werden, geschweigedenn so wie verordnet. Das und vorige Punkt tragen auch nicht gerade dazu bei, die Psych*-Berufe in einem besseren Licht dastehen zu lassen.
Außerdem wird in dem Blogposting als Beweis dafür, dass bereits etliche Täter unter dem Einfluss von Psychopharmaka standen, angeführt, dass sie so unbeteiligt vorgingen, als ob sie das alles völlig kalt ließe. Ist zwar ein an sich nicht so unempathischer Gedanke, geht aber leider auch wieder an dem vorbei, was eigentlich Grundlage ist, um sich über Gewalt und spezielle Auftretensformen unterhalten zu können. Fakt ist, dass es zwei Modi von Gewaltausübung gibt, einmal die affektive, die zu Wirtshausschlägereien und mitunter auch zu Amokläufen führt, und einmal den Jagdmodus, der wohl evolutionär übrig geblieben ist und wie Dr. Jens Hoffmann in der 3sat-Kulturzeit vom 11.03. (hoffe der Link hält noch etwas) es so nett formulierte, wenn man das Bambi streicheln will, kann man es nicht mehr töten, um es zu essen. Bei den Amokläufen, die eine Endabrechnung des Täters sind, ist dieser Modus der logisch verwendete.
Am Ende ergeht sich der Blogposting dann ohnehin in recht breit gestreutem Gewettere gegen die festgestellten Psychopharmaka bei schlimmen Amoktaten, die Medikamente werden dann mal pauschal als Psychodrogen bezeichnet, selbst wenn es sich um ein natürliches Element handelt, das auch natürlich im menschlichen Körper vorkommt, wie Lithium. Wikipedia hätte auch hier mal wieder geholfen, sei es zu Lithium, Fluoxetin (Prozac, Fluctin) oder auch weiterführend zum Serotoninsyndrom an sich.

Da wird sich einer abgeschwallt über sogenannte Amokläufe, die sich bei minimaler Betrachtung herausstellen als ziemlich spezifische Taten von Schülern und Ex-Schülern an ihren Schulen, was sich bei geringfügiger Nachlese als Teilaspekt herausstellen würde und nicht als die Hauptauftretensform. Nicht mal die Häufigkeit wird halbwegs richtig erfasst, obwohl sogar noch eine Suche im Internet dazu Zahlen ergeben würde, die näher an der Realität liegen als die enormst breitgetretenen Schulamokläufe. Von der Geschichte ganz zu schweigen, es ging in Deutschland halt auch nicht erst 1992 los (trug glaub ich jemand in einem SZ-Kommentar bei, wenn ich mich recht entsinne), sondern mindestens schon 1913 (man suche nach: "Hauptlehrer Wagner") - was hat der Mann wohl für bösartige Spiele konsumiert? Oder gar Psychopharmaka eingenommen?

Da kam schon bald der Gedanke auf, die Tat könnte inspiriert worden sein von dem nur weniger Stunden vorher stattgefundenen Amoklauf in Alabama (wohlgemerkt, der wird dann plötzlich auch Amok genannt, obwohl das gar kein Schüler war, komisch komisch), und gleich postwendend ein 12-stündiges Sonder-Spezial geschaltet. Su-per Reflexion, kann ich nur sagen, Hut ab! Wir erkennen den Nachahmungseffekt und handeln komplett gegenläufig. (Schöner Fokus darauf beim Spiegelfechter)

Da erscheint im Wissenschaftsressort eines Nachrichtenmagazins ein Artikel, der vom aktuellen weggeht und Erklärungsansätze aus der Literatur zu erläutern sucht und dann doch irgendwas daraus nicht verstanden oder nur überflogen hat - oder ich bin mal wieder nett und versuche die Möglichkeit einzubeziehen, dass da evtl. eine Redaktion gekürzt hat, was jetzt sinnentstellt dasteht, so richtig gelungen ist das jedenfalls auch nicht. Obwohl man ja schon froh sein kann, wenn jemand überhaupt Literatur heranzieht und nicht einfach nur auf die gewohnten Ziele eindrischt.

Naja und der Rest, der läuft unter der eingangs erwähnten üblichen Polemik, vom reflexhaften Verbellen der aktuell verbrämten Medien (wie Fefe schrieb: "Ich erinnere mich noch an Zeiten, als die Rockmusik angeblich an der Verrohung der Jugend Schuld war."), über eine natürlich zutiefst betroffene Bundeskanzlerin, die noch nicht mal den Ort des Geschehens korrekt mitgeteilt bekommen hat bis zu mal kurz am Rande erwähnten oder auch mal minutenlang zu Wort kommen gelassenen Forschern, die tatsächlich zum Thema Amok arbeiten, aber dann ganz schnell vom üblichen Pfeiffer ersetzt wurden, der jetzt wieder die Debatte mit seinem gewohnten Spiele-Bashing prägt. Aber passt natürlich ins Bild, die paar Millionen Gamer sind ja nach wie vor allen so suspekt, dass man lieber auf die losgeht, anstatt menschliche Rahmenbedingungen zu schaffen, eine Kultur wo man nicht nur am Körper einfach mal Hilfe beim Gesundwerden in Anspruch nehmen darf ohne stigmatisiert zu werden, und und und.

25.2.09

Julia hat geantwortet

Just in dem Moment als ich schon nicht mehr damit rechnete, kam ein Kommentar unter Analog.

Kurz und knapp:

"du kannst dir noch sachen kaufen. das kulturelle existenzminimum ist das nicht. hartz-iv muss auf 420 euro erhöht werden, und zwar, weil es gerecht ist.

aber die behauptung, man könne davon nicht "überleben", das ist einfach unsinn, und dabei bleibe ich.

julia seeliger"
Ich schreib jetzt eigentlich nur deswegen einen Blogeintrag als Antwort anstelle eine Kommentars, weil mir das Kommentareingabefeld allzu klein ist, um geordnete Gedanken drin produzieren zu können - und weil ich schon wittere, dass das ein langer und ausgiebiger Reply werden wird.
Also zu Sache.

"du kannst dir noch sachen kaufen"
Nun, das hat jetzt niemand wirklich geleugnet. Die Frage ist nicht, ob man sich noch was kaufen kann, sondern was und wieviel.
Da geht 's jetzt mit der länge schon los *hust* ich muss das jetzt einfach mit der gefundenen Aufschlüsselung machen (es gibt da übrigens auch noch welche aus "neutraleren" Quellen, logisch. Ich mach mir jetzt einfach nicht die Mühe, mit Verlaub).
Also, für was ist da der Regelsatz (zum Stand des Dokuments €351) anteilig gedacht:
  • Nahrungsmittel, Getränke, Tabakwaren: 129,52
  • Bekleidung und Schuhe: 34,84 ("darunter u.a." 20,94 für Kleidung und 7,47 für Schuhe)
  • Wohnen, Energie, Instandhaltung: 26,24
  • Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände: 25,08 ("darunter u.a." 1,40 für "Kühlschränke, Gefrierschränke und -truhen" und 1,56 für "Waschmaschinen, Wäschetrockner, Geschirrspüler")
  • Gesundheitspflege: 12,89
  • Verkehr: 15,40 ("darunter u.a." 0,68 für den "Kauf von Fahrrädern" und 11,23 für "Fahrkarten für Bus und Bahn (ohne Reisen)")
  • Nachrichtenübermittlung: 30,78 ("darunter u.a." 23,62 für "Telefon-, Faxgebühren" und 3,16 für "Internet, Onlinedienste")
  • Freizeit, Unterhaltung, Kultur: 39,93 ("darunter u.a." 1,29 für "Spielwaren und Hobbys", 6,38 für "Besuch von Sport- und Kulturveranstaltungen bzw. -einrichtungen", 5,57 für "Bücher und Broschüren", 2,77 für "Schreibwaren, Zeichenmaterial")
  • Bildung: 0,00
  • Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen: 8,31
  • Andere Waren und Dienstleistungen: 27,24 ("darunter u.a." 3,09 für "Gebrauchsgüter für die Körperpflege" und 6,17 für "Haarpflege-, Rasiermittel, Toilettenpapier u.ä.")
So. Und jetzt lassen wir uns das mal schön langsam auf der Zunge zergehen. Es ist alles für eine Einzelperson gedacht. Ich fang mal mit den Punkten an, wo es eigentlich offensichtlich sein muss, dass was falsch läuft.

Ein monatliches Verkehrsbudget von € 15,40. Eine Einzelfahrt mit einem Verkehrsverbund innerhalb eines Innenstadtbereichs kostet um die 2€. Von dem Geld kann man dann also 3x hin und zurück fahren und einmal nicht ganz bis hin. Und das auch nur, wenn man sich kein Fahrrad für 68 Cent kauft. Das ist überspitzt, ich weiß. Die Angabe aber auch. Ein Monatsticket kostet ab 30 Euro (und das auch nur eines, das erst ab 9 Uhr gilt, wer früher bei der Arge antanzen muss, muss mehr zahlen).
Bildung: € 0,00. Ohne Worte. Wahrscheinlich war 's so gedacht, dass Schüler und Studenten ja eh keinen Anspruch auf ALG2 haben, was aber nicht ganz korrekt ist, es gibt Sonderfälle. Bei denen, die nur einen Maximalanspruch auf € 192 Bafög haben, gibt es ALG2, weil das sogar noch jeder eingesehen hat, dass Bafög allein zu wenig ist. Wird allerdings aufs ALG2 angerechnet, kommt also auch nur der Regelsatz dabei raus. Tja und die dürfen dann aber auch nichts für die Schule brauchen. Mal ganz davon abgesehen, dass € 0,00 auch Minderjährigen zustehen, die mitgehangen-mitgefangen von ALG2 leben müssen und durchaus auch noch zur Schule gehen können/müssen/dürfen/wollen.
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen: € 8,31. In Berlin sind die Döner wohl billiger, ich kenn keinen halbwegs vertrauenswürdigen unter 3 Euro, das billigste Auswärtsessen sind wohl die 1€-Angebote der Fleischbratereien. Oder man macht mal richtig einen drauf und geht zu einem 5€-Mittagstisch, da könnt sogar noch ein Saft statt einem Wasser drin sein. Luxus!
Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände: € 25,08. OK, man kann vermutlich tatsächlich davon ausgehen, dass die Geräte zunächst vorhanden sind und eben grade nicht beschafft werden müssen. Blöd wird 's nur, wenn eins kaputtgeht. Im Gegensatz zur alten Sozialhilfe wird nämlich eine Reparatur bzw. Wiederbeschaffung nicht mehr getragen.
Bekleidung und Schuhe: € 34,84. Ist zunächst mal so wie bei der Wohnungsausstattung, zunächst sind wohl erstmal Klamotten da. Nicht ohne Sarkasmus behaupte ich jetzt aber einfach mal, dass z.B. der Schuhverschleiß bei einem ALG2ler wohl eher höher sein dürfte als beim Durchschnitt - schließlich muss er das Meiste laufen. Ein Paar Schuhe nachkaufen oder besohlen lassen, das sollte davon wohl auch tatsächlich gehen. Aber was, wenn die Hose auch kaputt ist und man im Frühling, als es noch rosiger aussah, die warme Winterjacke veschenkt hat, an jemand, der sie nötiger brauchte? Zeigt dann Politik sogar modischen Effekt durch die Rückkehr des Zwiebellooks?
Freizeit, Unterhaltung, Kultur: € 39,93. Eine Tageszeitung im Abo kostet um die 30 Euro (hab grad nur bei der FR nachgeschaut, aber die dürften sich nicht so viel nehmen). Von GEZ kann man sich befreien lassen - wenn sie es denn annehmen, außerdem muss das dann wieder regelmäßig wiederholt werden.
Wochenzeitschriften, Magazine oder so kann man dann schon nicht mehr regelmäßig lesen. Oder halt in Bibliotheken, man hat ja auch den ganzen Tag Zeit ... Veranstaltungen, Hobbys, Bücher? Entweder - oder!

Wohnen, Energie, Instandhaltung: € 26,24. Also für das, was nicht von den Kosten der Unterkunft gedeckt wird. Ungeachtet dessen, dass mindestens geplant war, die Gerichtskostenbeihilfe für ALG2ler zu streichen wird ja immer noch munter prozessiert und so kann ich dazu grad nicht viel schreiben. Es wurde teilweise schon entschieden, dass sowohl Kaltmiete als auch Strom, Heizung und Warmwasser von der Arge übernommen werden müssen; mein Wissensstand war noch, dass Lichtstrom und Warmwasser da nicht mit reinzählt und falls das Warmwasser gemischt mit dem Heizwasser geliefert wird, eine Pauschale abgezogen wird, und die war von Ort zu Ort verschieden. Unter der Präambel, Lichtstrom und Warmwasser davon zahlen zu müssen, wird 's kalt und dunkel.
Gesundheitspflege € 12,89. Von Praxisgebühr und Zuzahlung zu Rezepten kann man sich bis zu einem Anteil von 2% des Jahreseinkommens befreien lassen. Was viele nicht wissen. Weiß man es nicht oder hofft man, das mit dem ALG2 werde nicht solang dauern, ist mit dem Betrag ein Arztbesuch (Praxisgebühr) gedeckt, die Verschreibung schon nicht mehr.
Nachrichtenübermittlung für € 30,78 im Monat. Der billigste Telekomtelefonanschluss kostet € 17,95 ("Call Start"), und damit hat man dann noch kein Gespräch geführt. Naja es gibt ja jetzt so Superflatangebote für € 20 all inclusive, haben die sicher gemacht, damit HartzIVler auch noch kommunizieren können. Allzuoft darf man trotzdem nicht versuchen, seinem Fallmanager über die 0180-Hotline was ausrichten zu lassen, sonst ist das Budget gleich weg.
Essen und Rauchen: € 192,52. Nehmen wir mal (zugunsten des Regelsatzes) an, es handelt sich um einen genügsamen, leitungswassertrinkenden Nichtraucher. Auf einen Standardmonat mit 30 Tagen umgerechnet sind das dann rd. € 6,42 für Essen pro Tag. Nur vom Discounter könnte das sogar hinkommen, sogar mit etwas Obst gelegentlich. Die Rechnung, die Sarrazin aufgemacht hat, taugt allerdings wiederum nicht, man kommt halt nicht an ein Würstchen für 40 Cent, dann hat man wenigstens 4 davon, und muss die auch irgendwann essen, vor sie schlecht werden, so einfach geht 's also nicht mit der billigen und trotzdem abwechslungsreichen Ernährung. Zudem laufen persönlich geschätzte 98% der Leute ohne Kaffee/Tee überhaupt nicht rund und nur von Leitungswasser zu leben, kann beim "soziokulturellen Existenzminimum" wohl auch nicht gemeint gewesen sein. Auf den Punkt würd ich gern lauter motzen, als ich grad belegen kann, der Selbstversuch geht mir noch ab und subjektiv wahrgenommen gibt 's beim Discounter inzwischen mehr und mehr auch halbwegs brauchbares Futter - an der Stelle geb ich für heute morgen mal zu, es könnte reichen. Allerdings hat Julia auch selbst einen dokumentierten Selbstversuch verbloggt, vom Regelsatz (allerdings abzüglich des mitveranschlagten Tabaks, also nur € 4,25/Tag) zu leben.
Andere Waren und Dienstleistungen: € 27,24. Klingt so undefiniert auch nicht schlecht. Allerdings fällt da ja wieder wirklich alles rein, Spülmittel, Seife, Rasierer, Shampoo, Conditioner, Deo, Bodylotion, Aftershave, Duschgel, Putzschwamm, Zahnpasta, Zahnbürste, Klopapier, Taschentücher, Küchenrolle, Makeup, Cremes, Nahrungsergänzungsmittel (den kann ich mir grad nicht verkneifen *hust*) ... und auch noch alles andere, was nicht aufgeführt wurde: Versicherungen, Tierfutter, Sprit - denn ein Auto darf man tatsächlich noch haben, wenn 's nicht viel wert ist -, Steuer fürs Auto wenn man denn noch eins hat, und und und. Das Auto mal beiseite, aber dass z.B. keine Versicherung mehr "inbegriffen" ist, ist auch wieder so ein Knackpunkt. Grad, wenn jemand nichts mehr hat, sollte man ihm doch noch die nötigste Absicherung zugestehen, sich nicht auf ewig zu verschulden, wenn was passiert, will sagen, eine Privathaftpflicht wäre doch nicht zuviel verlangt - meine kostet unter 5€/Monat. Könnte man sagen, dann steckt die doch in dem Satz mit den Dienstleistungen sicher schon drin, aber da kann ich nur fragen: Wo denn?

Das war mir jetzt ein Bedürfnis, das mal so auseinanderzunehmen.
Wenn man unbedingt will, kann man sicher sagen, die Stellen, wo es nicht reicht, sind von denen "quersubventioniert", wo ich nicht die ganz große hieb- und stichfeste Kritik bringen konnte, und überhaupt, jeder hat doch noch irgendwelche Rücklagen. Nee, hat der ALG2ler eben nicht. Es gibt einen "Grundfreibetrag für Erwachsene in Höhe von Lebensalter x 150 € (min 3100 € und max 9750 € ) für jede erwerbsfähige Person in der Bedarfsgemeinschaft und deren Partner(§ 12 Abs. 2 Nr. 1 SGB II)". Bis man ALG2 kriegt, muss man sein "sauer verdientes Geld" erstmal bis auf diesen Kaffeesatz von Restvermögen ausgeben. Deckt man davon das, was man quasi in der Umstellung über den Satz ausgegeben hat, oder weil man sich eben doch mal nen neuen Kühlschrank kaufen muss, ist auch das schnell weg.

"hartz-iv muss auf 420 euro erhöht werden, und zwar, weil es gerecht ist."
hmm, 70€ mehr. wo werden die hinveranschlagt? aufs essen, weil der warenkorb von 2003 stammt und von der inflation überholt wurde?
und überhaupt, gerecht. gerecht für wen? gerecht in bezug auf was?
gerecht für die indoktrinierten, die solidargemeinschaft in einem atemzug mit gutmenschen und sozialschmarotzer nennen? oder gerecht für die, die bei aller verinnerlichen protestantischen leistungsethik es trotzdem nicht schaffen, wieder in lohn und brot zu kommen und dafür dann wenigstens eine monatskarte für den öpnv kaufen können, um vor all die schönen häuser zu kommen, zu denen sie den eintritt nicht zahlen können?
oder für wen?

"aber die behauptung, man könne davon nicht "überleben", das ist einfach unsinn, und dabei bleibe ich."

Julia, du hast mir den Selbstversuch voraus. Allerdings wurde mir aus deinem Blog nicht klar, wie lang der gedauert hat. Und wie du selbst so schön schriebst, "ich bin es gewöhnt, von wenig Geld zu leben - die meisten Studierenden haben weniger als Hartz-IV". Das ist eine Seite der Medaille. Die andere ist zum Einen, ich benutze deine Worte, "wie achtlos mit Menschen in Not umgegangen wird" und dass zum Anderen eben nicht jeder, der auf ALG2 zurückfällt, gewöhnt ist, mit 'wenig' Geld auszukommen.
Das entfernt sich ein wenig vom reinen Überleben, aber darf meines Erachtens auch nicht unter den Tisch fallen: Zu den wohl meistzitierten Abschreckbeispielen gegen ALG2 wird gern der Ingenieur herangezogen, Mitte-Ende 50, mit dem Bewusstsein einer gesicherten Existenz verliert er den Job, findet altersbedingt keinen neuen mehr und rutscht ins ALG2. Spätestens angesichts der aktuellen Wirtschaftslage sollte einem klar sein, dass das keine rektal abgesonderte Korinthe mehr ist, sondern reale Bedrohung für letztlich jeden, der sich noch in einem sicheren Job glaubt. Der gute Ingengieur muss nun also alle Ersparnisse aufbrauchen, wenn er sich mal ein nettes Häuschen für seine Familie gebaut hat womöglich auch noch das verkaufen (Obergrenze für selbstgenutztes Wohneigentum ~120m²), im Akkord Bewerbungen schreiben und zu Trainingsmaßnahmen einrücken, damit er für die Zeit aus den Statistiken verschwindet. Und sich dabei komplett von allem bisher geführten Leben verabschieden. Hat er ja nicht mehr das Geld für.
Ich kenn auch Gegenbeispiele, die sich hinstellen und sagen, also seit sie ALG2 kriegen, soviel Geld hätten sie noch nie gehabt und das dann auch gleich völlig unreflektiert für alle postulieren, dass das doch dicke genug sei - nur es ist nicht Jedermanns Sache, das Bettchen für das Kind unterm Herzen vom Sperrmüll zu holen. Mir persönlich würd 's grausen, und ergo kann ich mich der Aussage eben auch grade nicht anschließen, wie toll und wie viel Geld das doch ist.
Um aufs reine Überleben zurückzukommen, Clochards (und ich benutze ganz absichtlich einen romantisierenden Begriff) leben wahlweise von weniger oder richtig gut von ALG2, und nach dem Krieg haben die Leute noch ganz anders überlebt, aber war die Grundanforderung an ALG2 wirklich nur die reine Sicherung der ÜBERlebens? Oder sollte da ein Minimum an Einbindung in die Kultur, das gesellschaftliche LEBEN gewahrt bleiben, ein Minimum, dass man nicht gleich als "Hartzie" erkannt wird, oder ganz pathetisch, ein Minimum an Menschenwürde?

Und das alles hier (bis hier schon >2k Wörter) bezieht sich noch nur auf die Höhe des maximal zugestandenen Geldes und noch nicht einmal auf alle anderen unerfreulichen Erscheinungen, die mit HartzIV in Zusammenhang stehen.
Davon hast selbst du, Julia, ansatzweise geschrieben und es auch kritisiert, aber dabei hast du auch nicht deinen persönlichen Elfenbeinturm verlassen. Nur ein Beispiel: Der Antrag. Wer Bafög-Anträge kennt, wahlweise auch Anträge für Wohnberechtigungsscheine,seine Steuer noch von Hand erklärt oder auch nur ein Faible für Formulare hat, der mag mit dem Antrag tatsächlich ganz gut zurechtkommen. Die Frage aber, die man sich doch erst recht stellen muss, wenn man sich in der Politik engagiert, ist doch die: Wird das allen gerecht? Und da kommt auch schon wieder ein klares Nein. Es gibt auch Leute, die verstehen auf Anhieb eine Heizkostenabrechnung, die Mehrheit aber tut es nicht.

So, auch wenn ich mich noch länger über alles Mögliche an und um HartzIV verbreiten könnte, es ist schon wieder frühmorgens. Der Rest folgt bestimmt irgendwann ...

Nochmal Lesebefehle

1. Anna: "Wenn du was sagst, ist es verdächtig, wenn du nichts sagst, ist es noch viel verdächtiger"
Ein Interview über die Zeit vor und nach der Verhaftung von Andrej Holm, Annas Blog und das Leben, mit so einem Verfahren, veränderter Privatsphäre usw.

2. FR: "Hartz IV: Arge darf kein Lohndumping fördern"
(Hier noch ein dauerhafterer Link gleichen Inhalts von der Netzeitung)
Erfrischend. Wird hoffentlich rechtskräftig (bleiben).
Und ich kann mich zurücklehnen mit den alten Spruch: "Ich hab 's doch gesagt, oder zumindest sowas ähnliches"

16.2.09

Lesebefehl

Hier!